Helden

Torjäger, Schwarzwald-Bodenseeliga-Legende, Bräutigam, Tausendsassa, Fußball-Poet und ein Bundesliga-Schieri

"Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine Person, die eine besondere, außeralltägliche Leistung begeht", so die Definition auf Wikipedia. "Seine heroischen Fähigkeiten können von körperlicher Art (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer etc.) oder auch geistiger Natur sein (Mut, Aufopferungsbereitschaft, Kampf für Ideale, Tugendhaftigkeit oder Einsatzbereitschaft für Mitmenschen)."

Auch die Geschichte des FC Wacker wurde natürlich von solchen "Helden" auf und neben dem Rasen geprägt. Hier ein paar der Protagonisten des FCW:

 


 

Martin Rattka: "Genialer Torjäger und Sprücheklopfer"

Im November 2013 wird der ehemalige Biberacher Fußballer Martin Rattka 75 Jahre alt. Deshalb ist er auch dieses Jahr wieder beim Jahrgängerumzug des Schützenfestes mitgelaufen, wie schon beim 60., 65. und 70. Geburtstag. „Aus alter Verbundenheit mit Biberach lasse ich mir dieses Vergnügen nicht entgehen“, sagt Rattka, auch wenn er schon lange nicht mehr in der Stadt an der Riß zu Hause ist.

Seit den frühen 1970er-Jahren lebt er in Nordhorn in Nordrhein-Westfalen – unweit der niederländischen Grenze. 1958 kam Rattka nach Biberach. Aus zwei Gründen: Einerseits wollte er eine Ausbildung machen bei der Polizei und zweitens weiter Fußball spielen. Als Zehnjähriger hatte er in der D-Jugend des VfR Aalen angefangen zu kicken, nachdem es den gebürtigen Hindenburger aus Oberschlesien auf die Ostalb verschlagen hatte. „Mein Vater hatte uns damals nach den Kriegswirren gefunden und nach Aalen geholt“, erinnert sich Martin Rattka, der gemeinsam mit seiner Mutter und sechs Geschwistern aus der Heimat fliehen musste. „Ich wollte nicht zum Bund, deshalb habe ich mich für die Polizei entschieden.“

Kurze Episode in Ravensburg

Rattka, der schon in Aalen in diversen Auswahlmannschaften gespielt hatte, schloss sich der TG Biberach an, die damals neben dem FC Wacker auch eine Fußballabteilung hatte. Die Fusion der beiden Vereine zum FV Biberach sollte erst später kommen – nämlich 1970. Nach einer kurzen Episode beim FV Ravensburg im Jahr 1960, der damals mit aller Macht in die Regionalliga aufsteigen wollte, kehrte Rattka wieder nach Biberach zurück. 1965 lernte er den gebürtigen Hessen Toni Gerster kennen, den heutigen Geschäftsführer des FV Biberach und Betreiber einer florierenden Pizzeria. „Rattka war eine Marke. Er war ein Sprücheklopfer, der sich aber auch bei Verhandlungen immer wieder für die Mitspieler eingesetzt hat“, sagt Gerster, der damals als 19-Jähriger, in Weingarten stationierter Bundeswehrsoldat, zum FC Wacker kam. „Und Rattka war tatsächlich ein genialer Kicker, der immer sehr viele Tore schoss.“

Doch vom Fußball allein konnte Martin Rattka nicht leben, da ihn das Polizistendasein nicht mehr zufriedenstellte. Er entschied sich für ein Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Mein damaliger Schwiegervater ist schier ausgeflippt, dass ich meine sichere Beamtenlaufbahn bei der Polizei an den Nagel gehängt habe.“ Ohne Abitur, aber mit permanent absolvierten Prüfungen schaffte Rattka 1971 den Abschluss als Diplom-Sportlehrer. Während des Studiums flog er noch zu den Spielen nach Biberach – alles finanziert von Karl Frey, dem damaligen Mäzen des FC Wacker und später des FV Biberach. „Als Ausgleich habe ich in den Sommerferien auf seinem Campingplatz gearbeitet“, erzählt der 74-Jährige. Rattka wurde 1970 Torschützenkönig in der damaligen Schwarzwald-Bodensee-Liga, seinerzeit die höchste Amateurklasse in Württemberg. Inzwischen war er auch schon 33 Jahre alt.

Rattka fand dann auch eine Anstellung als Sportlehrer. Es verschlug ihn ans städtische Gymnasium nach Nordhorn. Sport und Biologie wurden zu seinen Fächern. Rattka war unterdessen auch zweifacher Vater geworden und musste Geld verdienen. Der Fußball ließ ihn aber nicht los. So wurde er Trainer. Eintracht Nordhorn, VfB Rheine, TuS Lingen und der SV Emsdetten waren seine Stationen in der dortigen ersten Amateurliga oder Verbandsliga, wie sie dann später hieß. „Rund um Nordhorn habe ich fast alle Mannschaften trainiert.“

Auch von Bayern München habe es Mitte der 70er-Jahre ein Angebot gegeben. „Ich habe mit Manager Schwan, Präsident Neudecker und Franz Beckenbauer gesprochen, aber diesmal siegte die Vernunft.“ Martin Rattka blieb Gymnasiallehrer – jetzt am Dionysianeum in Rheine – und damit auch verbeamtet. Die Verbindung nach Biberach riss aber nie ab. „In der Schützenwoche bin ich regelmäßig hier, wenn auch nicht jedes Jahr. Wie eben auch 2013, als er am Freitag vergangener Woche auch den Anstoß beim Spiel der Traditionsmannschaften des FV Biberach und des SV Schemmerhofen im Biberacher Stadion machen durfte. „Der Schiri hat sogar noch eine Rede auf mich gehalten.“

Quelle: Schwäbische Zeitung, 20. Juli 2013

 

Wohin willst du ihn haben?

Passend zu obigem Artikel über Rattka eine Episode, die unser Webmaster Winfried Hummler als Balljunge im Biberacher Stadion Ende der Sechziger Jahre erlebt hat:

Beim Schwarzwald-Bodenseeliga-Heimspiel gegen eine Mannschaft aus dem Tabellenkeller (vermutlich Gailingen) zeichnete sich Mittelstürmer Martin Rattka als mehrfacher Kopfball-Torschütze aus. Bei einem dieser Treffer rief er vor der Ausführung eines Eckballes dem Gäste-Torhüter zu: "Wohin willst du ihn haben?" Der Keeper ging darauf ein und nannte ihm eine Ecke. Rattka ließ sich nicht zweimal bitten, schraubte sich in die Höhe und köpfte den Eckball in seiner unnachahmlichen Art unhaltbar in selbige Ecke. "Rattka war der beste Kopfballspieler, den ich jemals im Amateurbereich erlebt habe, er köpfte ebenso hart wie platziert", erinnert sich Hummler.

 


 

"Lee" Doll stirbt einen Tag vor der Präsentation seines Fußball-Buches

Die Ur-Wackeraner werden sich sicherlich an Gerhard „Lee“ Doll und an sein halbjähriges Gastspiel (1969/70) beim FCW in der Schwarzwald-Bodensee-Liga erinnern. Über jene legendäre Klasse hat Doll ein 950 Seiten starkes Nachschlagewerk „Die Schwarzwald-Bodensee-Liga – Talentschmiede des Profi-Fußballs“ zusammengestellt. Zur Präsentation des Buches kamen im Dezember 2014 nahezu 150 geladene Gäste voller Vorfreude nach Langenargen, um bei ihrem Eintreffen zu erfahren: Autor Gerhard „Lee“ Doll ist am Vorabend im Alter von 65 Jahren bei den Vorbereitungen an Herzversagen gestorben.

Die Präsentation fand dennoch statt. Zum einen, weil eine Absage zu kurzfristig gewesen wäre. Zum anderen, weil es „Lee“ Doll selbst wohl gerne so gehabt hätte, berichtet die Schwäbische Zeitung.

Das Buch ist eine wahre Fundgrube, voller interessanter Begebenheiten und Erinnerungen. Zusammengetragen mit Hilfe der Vereine, die von 1962 bis 1978 zur Schwarzwald-Bodenseeliga gehörten.

Auch der FC Wacker hat der damals höchsten Amateurklasse Deutschlands (3. Liga) vier Jahre lang angehört und steht mit 120 Spielen im SWBL-Ranking der insgesamt 51 Vereine an 24. Stelle.

Doll über sein "KURZES GASTSPIEL BEIM FREY-CLUB FC WACKER"

Ein bedeutender Vereinsfunktionär des FV Langenargen, Fritz Bretzel, hat mir im Jahr 1968 einen Nebenjob als Buchhalter beim bekannten Biberacher Präsidenten Karl Frey (Foto) vermittelt! Am 1. Juli 1969 folgte ich dem Ruf des Vaterlandes: Ich wurde zur Bundeswehr ins mFmVerbBat 870 nach Weingarten eingezogen! Da auch Karl Frey sich als großer Förderer für junge Fußballer erwies und es von Weingarten nach Biberach ein Katzensprung war, wechselte ich 1969 nach Biberach!

Mit mir im Schlepptau: Horst Förg und Rüdiger Kolip vom Meister VfB Friedrichshafen! Leider gab es durch den Vereinswechsel, wie damals üblich, eine dreimonatige Spielsperre, so dass ich nur in der zweiten Elf Spielpraxis sammeln konnte! An drei „Highlights“ aus dieser Zeit erinnere ich mich noch sehr gut: das Freundschaftsspiel gegen den späteren englischen Meister Derby County, das mit 0:3 verloren ging! Zum anderen an den überschrittenen Zapfenstreich, was mit einem strengen Verweis in der AusbKp in Weingarten („Diszi“ Nr. 1) endete!

Ein weiteres denkwürdiges Erlebnis war der 3:0-Sieg im Lokalderby gegen die TG Biberach, wobei der überragende Helmut Renner zwei Tore schoss und ich noch das 3:0 beisteuern durfte! Nach Highlight Nr. 2 kam Diszi Nr. 2, als ich zu einem Oberfeldwebel bei der Stadionausbildung sagte - auf Schwäbisch kein Schimpfsatz „leck mich am Arsch“ - da ein Fußball bei der Handhabung mit dem MG auf mich zukam und ich ihn wieder zurückgeschossen habe! Er sagte: „Funker Doll, lassen Sie den Ball ruhen!“

Das war für mich so etwas wie ein Leitspruch, als in späteren Jahren, ab 1971, meine ruhenden Bälle über 50-Mal im gegnerischen Tor landeten! Wegen einer 14-tägigen verschärften Ausgangsbeschränkung konnte ich gegen den FC Singen 04 und in Lindau nicht mitwirken, aber unsere starke Truppe um Martin Rattka blieb dennoch in beiden Spielen siegreich! Im letzten Vorrundenspiel erreichten wir gegen den SV Kressbronn ein 1:1-Remis. Folge: Das Heimweh zu den kameradschaftlich einwandfreien SVK'lern wurde stärker und stärker! In der Rückrunde spielte ich deshalb wieder in Kressbronn.

Dolls ganze Fußball-Biografie

Infos zum Buch und Bestellung: www-schwarzwald-bodensee-liga-buch.de

 


 

Andreas Krämers Eheglück beginnt auf dem Sportplatz

Der Fußballplatz am Erlenweg hat ja schon vieles gesehen und erlebt. Hier, wo normalerweise der Biberacher Traditionsverein FC Wacker seine Fußballspiele austrägt und seit Jahrzehnten beheimatet ist, haben sich zwei liebende Menschen am Samstag vor rund 200 Gästen das Ja-Wort gegeben. Da störte auch der Regen nicht.

Es war der große Wunsch des Bräutigams Andreas Krämer gewesen seine langjährige Freundin Sabrina Berg auf dem Sportplatz seines geliebten Heimatvereines FC Wacker zu heiraten.

Andreas Krämer ist seit Kindesbeinen Mitglied im Verein und in seiner gesamten Freizeit als Jugendtrainer und Betreuer der zweiten Mannschaft eng mit dem Verein verbunden. Seine Sabrina erfüllte ihm deshalb seinen großen Traum. Der kirchliche Beistand kam von einer Pfarrerin, die alles mit dem kirchlichen Segen besiegelte.

Freunde des leidenschaftlichen Werder-Bremen-Fans Andreas Krämer sorgten beim Ja-Wort mit bengalischen Feuern für die passende Beleuchtung.

Quelle: Schwäbische Zeitung, 20. Juni 2011. - Video

 


 

Wackers Tausendsassa ist stets zur Stelle

Beinahe jedes Vereinshandwerk hat Richard Zell vom FC Wacker Biberach in seiner Funktionärslaufbahn schon ausgefüllt. Für jede Gästemannschaft kann es eine Überraschung sein, als was Wackers "Tausendsassa" an dem Tag in Erscheinung tritt. Von Trainer über Platzwart bis zum Betreuer des Würstchengrills ist alles möglich.

In der laufenden Saison kam der vor der Runde zurückgetretene Abteilungsleiter wieder zu zwei Funktionen. Die sportliche Kurve der ersten Mannschaft zeigte von Beginn an nach unten, bald steckte das Team im Abstiegskampf. Spielertrainer Achim Denz sah ein Problem darin, dass niemand außerhalb des Spielfelds den im Spiel eingebundenen Trainer unterstützte. Zell ließ sich nicht lange bitten und übernahm das Coaching an der Außenlinie. Eine Arbeit, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Vom vorletzten Tabellenplatz Mitte Oktober ging es bis zur Winterpause hoch auf Platz zehn. Zell wusste aber schon damals: "In dieser ausgeglichenen Staffel sind wir noch lange nicht alle Sorgen los." Darüber hinaus übernahm Zell das Training von drei E-Jugend-Teams, nachdem ein Vereinskollege für mindestens ein halbes Jahr nach Spanien übergesiedelt ist. Die Arbeit als Ausschlussmitglied, das zuletzt mit der Trainersuche befasst war - Achim Denz hört als Trainer auf, für ihn kommt im Falle des Nichtabstiegs Uwe Reh (VfB Gutenzell) - rundet Zells "Programm" ab.

Richard Zell ist Gründungsmitglied des 1977 entstandenen Biberacher SC. Viele Jahre arbeitete er als Spielertrainer unter anderem beim SV Laupertshausen und beim SV Baltringen, mit denen er in der Saison 1985/86 beziehungsweise 89/90 jeweils den Aufstieg in die Kreisliga A schaffte. Den vielleicht größten und schönsten Erfolg hatte Zell mit seinem Heimatverein FC Wacker Biberach: Unter seiner sportlichen Leitung stiegen die Biberacher 1991 nach zwei Relegationsspielen gegen den Bad Schussenried in die Landesliga auf. Diese beiden Spiele vor mehreren tausend Zuschauern bilden den Höhepunkt in der bisherigen sportlichen Laufbahn von Richard Zell. Ein bisschen stolz ist der heute fast 55-Jährige darauf, dass es Wacker Biberach derzeit gelingt, alle Jugendmannschaften zu besetzen und somit der Grundstein für ein sportliches Weiterkommen des Vereins gelegt ist.

Quelle: Schwäbische Zeitung, 11. Juni 2007.

 


 

Franz-Josef Toth: Fußball-Poet zwischen Anspruch und Akribie

Einst war er Jugend- und Amateur-Nationalspieler, später trainierte er mehrere Vereine im Bezirk Riß. Nur eins war Franz-Josef Toth nie in seiner langen Fußball-Laufbahn: Meister. Auch nicht mit dem FC Wacker, mit der aber 1997 die Vizemeisterschaft in der Landesliga holte, den größten Erfolg in der jüngeren Vereinsgeschichte.

„Franz-Josef legte Buffy an die Kette" ('74) - „Ein Schuss von Toth nach Pass von Roth - da war der VfB mausetot" ('75) - „Herausragend dabei Toth, der B-Nationalspieler Magath in Grund und Boden spielte"`('76). Toth brillierte, BILD titelte. Schlagzeilen, die nur wenige kennen über einen Mann, den nur wenige kennen.

Mitte der 70er Jahre war Franz-Josef Toth der Shooting-Star der Stuttgarter Kickers. Mit 17 spielte der „Mann für Spezialaufgaben" bereits die komplette Rückrunde bei den „Blauen" in der 2. Liga Süd. DFB-Amateur-Trainer Jupp Derwall und Assistent „Sir" Erich Ribbeck demontierten das Talent. November 1976, Testspiel DFB-Elf gegen VfB: Toth wird nach der Pause (0:1) ein- und nach 73 Minuten (3:1) ausgewechselt. Höchststrafe. Dazwischen liegen 28 Minuten. „Ballkontrolle und Abspiel miserabel, Bewachung von Müller gut", wie Toth später analysierte. Hansi Müller schoss noch zwei Tore zum Ausgleich. „Schicksal“ für Toth.

„Zum Schicksal wurde auch „Hansi zwei“, der neue Kickers-Trainer Hans Cieslarczyk. Fünfmal trainierte Toth pro Woche, zweimal morgens hatte der Sport- und Französisch-Student Vorlesung. „Dann spielst du bei mir auch nicht", sagte der Trainer. „Bei ihm verlor ich Idealismus und die Lust am FußbalI”, sagt Toth. 1979 meldete er sich bei den Kickers ab.

lm Sturm und Drang nach Rom

Toth fuhr enttäuscht im jugendlichen Sturm und Drang mit dem Fahrrad nach Rom zur Volleyball-EM, traf dort Studenten aus Kiel und studierte und spielte fortan beim Nord-Zweitligisten Holstein Kiel. „Er fährt einen blauen Käfer mit weißen Wolken und liest philosophische Bücher", lautete der Vorwurf eines Trainers der Kickers, zu denen er zwei Jahre später wieder zurückkehrt.

Nachdenklich ist Toth geblieben. „Ich hatte nie einen Manager, dachte für den ganz großen Erfolg wohl zu menschlich und kameradschaftlich", denkt er zurück. Er, der sein Studium trotz 14 Semestern nie beendete („Der Fußball stand bei mir an erster Stelle"), dafür mit 33 Jahren seine Lehre als Kaufmann abschloss. Neun Jahre pendelte er hin und her zwischen seiner Frau Simone in Alberweiler und dem Verwaltungsbüro der Rehamed GmbH in Stuttgart. Inzwischen haben Simone und er die Schicht gewechselt: Zur Zeit ist Toth noch in der Rolle des Hausmannes und des Erziehenden seiner Kinder Jan (8), Mona (5) und Frank (3), sucht aber einen Arbeitsplatz im kaufmännischen Bereich. Der Job als erfolgreicher Trainer beim Oberliga-Fünften Seekirch ist ein willkommener Ausgleich.

Bei manchen in der Branche gilt Toth als zu weich. Anfangs hatte er mit schwäbischen Hobby-Kickern Probleme. „Schon in Stuttgarts C-Jugend setzte man die Bereitschaft zu Fleiß, Leistungsverbesserung, Willensstärke und Mannschaftsdienlichkeit voraus", erklärt er seinen Fußballanspruch.

„Ich sag gar nicht mehr, dass wir gewinnen wollen. Es geht mir nur um das Wie." Der richtige Mann am falschen Platz auch für Wacker im Jahr 1997. Toth zu entlassen, war ein Fehler, gibt Präsident Schätzle heute zu. Toth ist eben kein kommandierender Disziplinfanatiker, sondern Analytiker. Nächtelang tüftelt er an Konzepten, Spiel(er)bewertungen, Taktik, Ansprachen und überlässt nichts dem Zufall. Akribie pur, ohne Trainerschein, ohne Lehrbücher, Akribie aus dem Kopf.

„Gegensätze überwinden"

Toth ist einer der wenigen Trainer im Bezirk, die über den Rand des Anstoßkreises hinwegschauen. Ein Mensch mit zwei Lebensinhalten: Sport und Harmonie. Einer, der Klinsmann kennt, aber auch Obdachlosen zu essen gibt. Ein Mann, der von Wacker I entlassen wird und 30 Tage später für Wacker ll einspringt. „Gegensätze überwinden“, ist sein Lebensmottto. Mit seinem besten Stuttgarter Freund Harald Stock entwarf Fußballpoet Toth einen Achtzeiler über „Somatische Kultur“. Sport ist für ihn ein „Mediun, die Unfähigkeit zu überwinden, sich zu spüren.“

Und in Seekirch? „Die Spielerinnen bringen große Lernbereitschaft mit. Ich bin aber keine Vaterfigur", sagt' Toth. Nach dem 4:0 in Titisee, dem dritten Sieg nach der 1:8-Auftaktschlappe, lobte er sie im Bus: „Ich bin glücklich und stolz auf Euch.“ Toth lacht: „Dann lass ich mich von den Mädels auch mal zu einem Bier verführen."'

Franz-Josef Toth wurde am 28. August 1955 in Stuttgart geboren. Seine Stationen: 67-79 Stuttgarter Kickers, 79-81 Holstein Kiel (170 Zweitligaspíele), 82- 84 Stuttgarter Kickers (Verbandsliga), 84-86 FV Biberach (Oberliga), A- und B-Jugendtrainer, 86-89 Spielertrainer SV Aßmannshardt, 89 SV Bonlanden (Verbandsliga), 90/91 Maselheim (Landesliga), Spielertrainer 91-93 SV Aßmannshardt, 93-96 TSG Rottenacker, 96 SV Erolzheim (Bezirksliga), 97 Wacker Biberach (Landesliga), 98-? SV Eintracht Seekirch (Damen-Oberliga), 2000-2002 Wacker (Bezirksliga).

Größte Erfolge: WFV-Auswahl und DFB-Jugendnationalspieler U18, Olympiaauswahl '75. 

Quelle: Schwäbische Zeitung, Herbst 1998

 


 

Als Wolfgang Overath der Kragen platzte

In seinem Arbeitszimmer bewahrt Eugen Schraivogel viele Erinnerungsstücke aus seiner Zeit als Linienrichter in der Fußball-Bundesliga und Schiedsrichter in der zweithöchsten Spielklasse auf.

Eugen Schraivogel, bis zur Fusion mit der TG Biberach im Jahr 1970 für den FC Wacker pfeifend, ist Teil der Bundesliga-Geschichte. Er war viele Jahre Linienrichter in der obersten Liga und Schiedsrichter in der zweithöchsten Spielklasse. Schraivogel kam weit herum im Land und begegnete vielen namhaften Spielern. Der 75-Jährige weiß aus seiner Zeit außerdem, wie viel sich für Unparteiische in den Profi-Ligen bis heute verändert hat.

Schraivogels Arbeitszimmer zu Hause in Rißegg erinnert an ein kleines Museum. An der Wand hängen Fotos und unzählige Wimpel von den großen Klubs und von Vereinen, die man überregional kaum noch wahrnimmt – wie die SpVgg Bayreuth oder den SCC Berlin. Hinzu kommen Alben und Bücher mit Fotos, Beurteilungsbögen und weiteren Zeugnissen aus den Jahren, in denen der Rißegger in die große Fußballwelt eintauchte.

Zwischen 1968 und 1984 war Schraivogel Linienrichter in der Bundesliga und Schiedsrichter in der Regionalliga, die vor der Einführung der zweiten Liga 1974 die zweithöchste Spielklasse war – mit insgesamt rund 150 Einsätzen, sagt der 75-Jährige. Wenig im Vergleich zu den späteren Schiedsrichtern. „Damals war der Kreis der Schiedsrichter größer, heute gibt es weniger und deshalb haben sie mehr Einsätze.“ Anders als in den 1970er-Jahren arbeiten die Bundesliga-Schiedsrichter im erlernten Beruf kaum mehr in Vollzeit, während für Schraivogel als Angestellter bei der Biberacher Bereitschaftspolizei ein verständnisvoller Chef und ein gutes Zeitmanagement unerlässlich waren.

72 Mark pro Tag

Für die Unparteiischen der Generation Schraivogel war die Bundesliga ein Hobby, entlohnt mit einer Aufwandsentschädigung von 72 Mark pro Tag. Die heutigen Schiedsrichter erhalten pro Einsatz ein vierstelliges Honorar, zudem führte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gerade ein Grundgehalt ein. „Finanziell ist es interessanter geworden. Aber vieles ist nicht mehr wie früher“, so Schraivogel, der die strengeren Auflagen für die Profiklubs und deren Umgang mit Schiedsrichtern anführt. „Früher lud uns in Hamburg ein Betreuer des HSV zur Hafenrundfahrt ein. Heute soll nicht mal mehr die Einladung zu einem Imbiss erlaubt sein.“ Und nach dem Abpfiff stürmt der Schiedsrichterbeobachter des DFB mit einer DVD in die Kabine des Unparteiischen – zum Videostudium mit Fehleranalyse. „Manchmal kommen die Schiedsrichter erst nach zwei Stunden aus der Kabine.“ Zu Schraivogels Zeit lag ein paar Tage später ein Umschlag mit dem Beobachtungsbogen im Briefkasten.

Manches änderte sich aber nicht. Dass Fans im Stadion die Unparteiischen schmähen, wenn ihnen Entscheidungen nicht gefallen, und Fußballer ihren Unmut äußern, das war schon immer so. Auch fürs Fernsehen waren die Schiedsrichter ein Thema, wenngleich nur selten. Heute steht bei jedem Spiel der ersten und zweiten Liga eine Kamera, früher gab es das nur bei ausgewählten Partien. „Wir freuten uns, wenn am Stadion ein Sendemast stand und man im Fernsehen kam“, sagt Schraivogel. Bei Fehlentscheidungen setzte es aber öffentlich Kritik – wie 1982, als Schraivogel eine Zweitliga-Partie mit Schalke und Uerdingen pfiff. „In dem Spiel hatte ich einen Knopf drin bei einem Elfmeter, der keiner war.“ Der langjährige ZDF-Reporter Rolf Töpperwien berichtete über diese Partie. „Ich glaube, ich wurde nicht so arg gelobt.“

Die Einsätze in den höchsten Ligen bescherten ihm viele Begegnungen mit Fußalllegenden. Schraivogel hat Bilder, die ihn mit den Spielern beim Einlaufen auf den Platz oder bei der Aufstellung am Mittelkreis zeigen. Man erkennt Uwe Seeler vom Hamburger SV, Sepp Maier von Bayern München, Hermann Ohlicher vom VfB Stuttgart oder Lothar Matthäus im Trikot der Bayern. Schraivogel war meist mit einem Gespann aus Baden-Württemberg oder Bayern unterwegs und wurde daher selten im Süden und mehr im Norden und Westen eingesetzt. Oder in Kaiserslautern.

"Da musste man weghören"

Schraivogel war Linienrichter in einer Partie der Lauterer gegen den 1. FC Köln mit Nationalspieler Wolfgang Overath. Dessen Teamkollege Werner Biskup beging ein übles Foul. Schraivogel sah es, hob die Fahne und berichtete dem Schiedsrichter, der dem FC-Profi die Rote Karte zeigte. Daraufhin richtete Overath weniger sanfte Worte an den Mann an der Linie. „Da musste man weghören“, erinnert sich Schraivogel. Ein Platzverweis Overaths hätte für noch mehr Wirbel gesorgt, denn seinerzeit wurden gesperrte Nationalspieler für Länderspiele nicht berücksichtigt. „Und damals stand eine Reise der Nationalmannschaft an.“ Overath wäre bei einer Hinausstellung zu Hause geblieben und Schraivogel bekannt geworden. „Ich wäre in allen Zeitungen in den Schlagzeilen gewesen.“

Der Rißegger, der 1957 als 20-Jähriger mit dem Pfeifen begonnen hatte und heute noch Spiele der Jüngsten leitet, denkt mit Freude, aber ohne Wehmut an die Bundesliga-Zeit zurück. Schraivogel machte Erfahrungen wie nur wenige. Es gab kaum einen Bundesliga-Star, dem er nicht begegnete, kaum ein Stadion in Deutschland, das er nicht betrat, kaum eine Region, die er nicht kennenlernte. „Für mich war das eine fantastische Sache.“

Quelle: Schwäbische Zeitung, 10. August 2013