Anekdoten

Geldnot, hasserfüllte Stadtderbys und "Säuberungswelle"

Anekdoten beruhen bekanntlich (nicht immer) auf der Wirklichkeit, sind aber jeden Fall plausibel und zumeist amüsamt. Vor allem aber erzählen sie von Begebenheiten, die für eine Person, eine Gesellschaft oder eben einem Verein (hier: der FC Wacker) besonders charakteristisch sind bzw. waren. Hier ein paar Kostproben aus der Vereinsgeschichte:

 


 

Junge Leute aus Birkendorf gründen den FC Wacker

Am 6. Dezember 1925 trafen sich im Ulmer Hof 25 Personen, welche Interesse hatten, einen weiteren Fußballclub zu gründen, es waren meist junge im Alter zwischen 16 und 22 Jahren, zudem wohnten die meisten davon in Birkendorf. Nach Abtasten und Aussprachen kam es zur Abstimmung über die Namensnennung: Frischauf oder FC Wacker?

Zum ersten Vorstand wurde Josef Rieger, Kassier Gruß, Schriftführer Maurer sen. Bis 1927 erhöhte sich die Mitgliedszahl auf 127, um dann wieder rapide abzunehmen. Infolge Arbeitslosigkeit trat großer Geldmangel ein. Zwar waren am 8. August 1928 noch 130 Mitglieder auf der Liste, aber nur 16 bereit, unter der neuen technischen Leitung die neue Verbandsrunde aufzunehmen. Leider musste Sportkamerad Oechsle die Feststellung machen, dass beim Süddeutschen Fußballverband 590 Reichsmark Beitragsrückstände zu verzeichnen waren. Nach langwierigen Verhandlungen konnte eine Ermäßigung erzielt werden. Und am 9. September 1928 begann die Saison mit einem 3:0-Sieg mit 10 Mann beim VfB Weingarten. Am 16. September wurde der FV Waldsee 13:1 und beim Rückspiel 14:? besiegt. Jetzt kamen wieder die Abtrünnigen und eine 2. Mannschaft konnte aufgestellt werden, die gegen Schussenried II 5:0 und 13:2 gewann. Die Verbandsrunde wurde refolgreich abgeschlossen, Wacker I wurde erstmals Meister der B-Klasse und stieg in die A-Klasse auf.

Quelle: Original-Protokoll

 


 

Anfänge des Fußball in der Stadt Biberach liegen im Jahr 1890

Turngemeinde, FC, Sportverein, FC Wacker, DJK und Spielvereinigung kickten für Biberach

„Damals“, erinnert sich Alfons Engler, einer der frühesten Aktiven, „mussten wir noch die Querlatten von den Toren auf dem Lindelesportplatz auf dem Gigelberg verstecken, so unpopulär war dieser Sport“. Diese uns heute absurd anmutenden Machenschaften werden verständlich, wenn man weiß, daß die Kickerei fast überall als hässliches und widernatürliches Spiel gebrandmarkt wurde.

Jedoch: Schon in den 1890er Jahren ist das Fußball-Spiel in den Annalen der Vereinschronik der Turngemeinde zu finden. Die Spieler trugen noch teilweise lange Hosen, und jeder pflegte so ungefähr seine eigenen Regeln. Das wurde freilich anders, als Reallehrer Maurer aus England zurückkehrte und den Biberachern die dort geläufigen FlFA-Regeln (Weltfußballverband) beibrachte. Der ersten Aufschwung setzte im Jahre 1903 ein, was Julius Mühlschlegel zum Pionier auf diesem Gebiet stempelt: Er und 15 andere tatkräftige Männer hatten im Nebenzimmer des "Württemberger Hof“ nämlich den ersten Biberacher Fußballverein, eine Fußballabteilung der TG, aus der Taufe gehoben.

 

Mit Rupfentüchern abgeschirmt

Diese Abteilung trat 1911 aus der Turngemeinde aus und gründete den Sportverein Biberach. Ein Jahr vorher war der FC Biberach erstanden, der aber nur knappe vier Jahre existierte. Immerhin empfing die TG auf dem „Lindele“ Gegner wie Olympia Laupheim, FV Saulgau, FV Ravensburg sowie die Ulmer Vereine FV und TV (Turnverein). Auch einige angrenzende Städte im nahen Österreich und der Schweiz nahmen an der Runde teil, da sie sonst zu geringfügig gewesen wäre.
Der Sportverein, der also 1911 den Spielbetrieb aufnahm, wählte als Platz die Pflugwiesen, dort, wo heute das Wieland-Gymnasium steht. Als Partner waren die Vertretungen von Friedrichshafen, Wangen und Lindau hinzugekommen. Zu den damaligen Kuriositäten zählte, dass das Gelände in Dreiecksform mit Rupfentüchern gegen fremde Einblicke abgeschirmt wurde, um ungebetene „Zaungäste“ fernzuhalten. Schon damals spielten die Finanzen eine gewichtige Rolle. Unser Bild aus dem Jahr 1912 zeigt die Haudegen des Sportvereines.

 

Wacker setzt sich unter größten Schwierigkeiten durch

Sieben Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieg erhielt der Sportverein Konkurrenz, die im Laufe der Jahre immer heftiger werden sollte: die des FC Wacker. 25 junge Burschen zwischen 16 und 22 Jahren legten 1925 den Grundstein dieses Teams, dessen 1. Vorsitzender Josef Rieger war. Der Fußballclub Wacker mußte außer dem Rivalen Sportverein auch die DJK (Deutsche Jugendkraft) in Kauf nehmen, verstand es aber, sich unter größten Schwierigkeiten durchzusetzen.
1931 wurde zum Schicksalsjahr des Sportvereins. Beim Platzbau des Lindele-Sportplatzes fehlte es sichtlich an Geld, so dass sich die Vertretung aus finanziellen Erwägungen heraus auflöste und wieder bei der TG Aufnahme fand. „20 Pioniere aus Ulm sind 14 Tage verpflegt und aufgenommen worden, aber am Ende hatten sie auf dem Lindele so gut wie nichts geleistet“, grollte Engler. „Ein Arbeiter vom Haug musste kommen, um allein mehr zu
schaffen, als alle Soldaten zusammen“.

 

Drei Vereine in den 30er Jahren

1933 Jahr gab es in Oberschwaben eine Neuformierung und eine Aufteilung in zwei A-Klassen. Alle drei Biberacher Vereine (auch die DJK bis kurz vor ihrem Ende) spielten zusammen in einer Gruppe. Der FC Wacker schaffte in dieser Saison den Aufstieg in die Bezirksklasse, nachdem die TG in einem Entscheidungsspiel besiegt worden war. Zuvor hatten beide Vereine Zulauf von der Deutschen Jugend Kraft (DJK), nachdem diese aufgelöst worden war. In wechselvollem Hin und Her standen sich TG und Wacker noch öfters gegenüber, ehe ein Jahr nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges der Spielbetrieb eingestellt werden musste.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nur noch ein Verein zugelassen

Nach dem Zusammenbruch waren in Städten unter 20 000 Einwohnern nur ein Verein zugelassen. So wurde 1945 auch in Biberach die „Spielvereinigung Biberach“ gegründet, wo anfangs nur Fußball in der Zonenliga (von 1946 bis 1949) gespielt wurde. Rastatt, Offenburg, Konstanz und die oberschwäbischen Vereine waren hier die Kontrahenten. Die Kluft der ehemaligen Lokalrivalen führte dazu, daß der FC Wacker 1952 in der B-Klasse von vorne anfing. Inzwischen war der Gigelberg zum Sportplatz Nummer eins ausgebaut worden, wo die TG ihre Treffen in der ll. Amateurliga austrug.



Heißumkämpfte und hasserfüllte Lokalderbys in den Sechziger Jahren

Der Sprung in die 2. Amateurliga glückte Wacker nach mehreren Anläufen endlich im Jahre 1961, während die Turngemeinde in der Saison 1962/63 nach einem gewonnenen Entscheidungsspiel über den Lokalpartner vor 5 000 Zuchauern in die höchste deutsche Amateurklasse aufstieg: in die Schwarzwald-Bodenseeliga. Wacker folgte 1966 nach, so dass die beiden Clubs wieder auf gleicher Ebene standen.

Mit dem neuen städtischen Stadion stand ihnen zudem (schon ab 1961) ein Schmuckstück zur Verfügung. Von 1966 bis 1970 kickten dann beide Vereine (TG und Wacker) in der höchsten Spielklasse der „Amateure“, in der damals schon der Rubel rollte. Fußball-Veteranen schwelgen gerne in diesen vergangenen Zeiten, erinnern sich an heißumkämpfte, bisweilen hasserfüllte Stadtderbys. Schwärmen von ihren Helden: Martin Rattka, Peter Vogelgesang, Helmut Renner hießen die des FC Wacker, die der TG: Dieter Färber, Otto Hänle und die Gebrüder Eyrainer. Verglichen mit heute, war die Anteilnahme am lokalen Fußball gewaltig: So beteiligten sich im Januar 1969 sage und schreibe über 7600 Fans an einem Tipp- und Gewinnspiel der Schwäbischen Zeitung, bei dem der Ausgang des Derbys vorausgesagt werden musste.

 

Bürgermeister Alfred Rack stiftete Burgfrieden

Die Rivalität beider Vereine rief im Jahr 1966 sogar Bürgermeister Alfred Rack auf den Plan, um für einen "Burgfrieden" zwischen den Kontrahenten zu sorgen. Wesentliche Vereinbarungen bei der Zusammenkunft: Keine gegenseitigen Abwerbungsversuche von Spielern, Bildung einer Stadtmannschaft und gemeinsame Werbeaktionen. Ein Schiedsgericht mit Rack, dem Bundestagsabgeordneten Eugen Maucher, dem Landtagsabgeordneten Alfons Zinser und zwei Vertretern jeden Clubs war existent, wurde aber offenbar nie benötigt.

Gleichwohl schrumpften die Begeisterung am Amateurfußball und damit auch die Zuschauerzahlen. Selbst das prestigebeladene Derby zwischen TG und Wacker lockte bei weitem nicht mehr so viele Besucher ins Stadion wie anfangs der Sechziger oder früherer Jahre in der zweiten Amateurliga.

 

Fusion des FC Wacker mit der TG Biberach anno 1970

Finanzielle und andere Gründe führten letztlich auch zur Fusion beider Klubs im Jahr 1970, zur Gründung des FV Biberach. Und zu einem (vorübergehenden) Aufschwung unter dem damaligen Trainer und österreichischen Rekordnationalspieler Willi Hahnemann: Der FVB wurde Württembergischer Vizemeister. Nach diversen Rückschlägen in der Folgezeit zeigten sich die FV-Cracks im Qualifikationsjahr 1977/78 von ihrer besten Seite: Der Aufstieg in die Oberliga gelang - dank des „Kaufs“ einiger Kicker vom SSV Ulm 1846 (Frommer, Michelberger...). Bis 1986 gehörten die Blaugelben der „Nettoliga“ an, ehe sie in den sauren Apfel des Abstiegs beißen mußten. Die Wiederaufstiegsversuche scheiterten allesamt. Schlimmer noch: 1989 folgte der erneute Fall. ln der Landesliga kickt der FVB nun, freute sich anfangs über hohe Zuschauerzahlen.



Höhen und Tiefen erlebte auch der BSC

Nach der Gründung des Biberacher SC im Jahr 1977 schnellten die Mitgliederzahlen - vor allem bei der Jugendabteilung - in ungeahnte Höhen. Zeitweise konnte „Pionier“ Erich Renner 12 Jugendteams ins Punktspiel-Rennen schicken. Zu den quantitativen Erfolgen gesellten sich alsbald die qualitativen, in Form von Meistertiteln. Hingegen musste die erste Mannschaft relativ lange auf den ersehnten Aufstieg in die Kreisliga A warten. Trainer Hans Krebs und seine Crew schafften ihn 1981/82. Vereinspolitische Unzulänglichkeiten verursachten dann vier Jahre später den Abstieg in die Niederungen der Kreisliga B. Nach einem Jahr der Regeneration und einer „Säuberungswelle“ (der damalige Vizepräsident Matthias Lübbers) schafften die Kicker um Abteilungsleiter Gerhard Pahl und Präsident Wolfhard von Heyking 1988 den (erneuten) Sprung in die Kreisliga A. Sie geriet zur Durchgangsstation, denn der BSC machte prompt wieder ein Meisterstück und spielte ab 1989 in der Bezirkliga.

Quellen: Schwäbische Zeitung, 27. Januar 1967 und die Vereinszeitung BSC-aktuell, März 1990.